Irritation und Verwirrung

Papas sind auf dieser Welt einfach unersetzlich

Zur Erinnerung an Jürgen Heinrich Simonis

Er war klug, er war ein Einzelgänger, konnte Faust Teil II auswendig und hat Zeit seines Lebens gearbeitet wie ein Pferd. Er wollte von seinen Enkeln Großvater genannt werden. Er wünschte sich immer ein Mädchen, das er dann auch noch bekommen sollte.

Die intimsten Momente hatte ich mit ihm, wenn wir Labor Arbeiten mit dem BMW in Hannover ausfuhren und er mir mit seiner zwei Finger Zange ans Knie griff, um mich zu erschrecken und aus meinen Träumen aufzuwecken. Später, nach dem meine Mutter gestorben war, saßen wir oft stundenlang in der weißen Küche in seinem Haus, aßen, tranken Kaffee, rauchten und diskutierten über die aktuelle Politik, über Gott und Die Welt. Ich habe ihn geliebt!

Er war am liebsten allein. Manchmal, wenn wir unseren Besuch ankündigten – nur zu zweit – und nur kurz, lehnte er ab. „Es passt mir gerade nicht.“ Nicht ein einziges Mal hat er mich und seine Enkel besucht, immer kam etwas dazwischen, die Arbeit, die Hunde… Er liebte die Natur und hatte einen wunderschönen Rhododendren Garten, indem im Sommer über sechzig verschiedenfarbige Büsche blüten, er liebte Tiere, besonders Hunde.

Er hat viel Geld in mich (fehl)investiert und ich habe ihn wohl enttäuscht, er nannte mich seinerzeit aus Wut „Frei schwebendes Arschloch“, einen Nichts, was ich schon damals als eine ausserordentlich intelligente und humorvolle Wortkreation hinnahm, doch es kam noch schlimmer.

Ich wuchs bei meinem Großeltern und in Internaten auf und kam zu eigenen Entschlüssen. Noch vor kurzen versicherten wir uns unserer gegenseitigen Liebe. Er hat es sehr bedauert zu viel gearbeitet, so viele unserer Träume nicht verwirklicht zu haben, obwohl vieles möglich gewesen wäre. Er war es, der mir das Sprechen beigebrachte, was eine meiner Kunstlehrerinnen, Frau Dunkel, als „gedrillte Aussprache“ quittierte.

Er war sechs Jahre alt am Ende des II. Weltkriegs, hatte Operation Gomorrha 1943 mitgemacht, „die Stadt war hell wie am Tag“, er wurde aus einem US Hubschrauber, oder Flugzeug beschossen, die Familie floh aus dem ausgebombten Hamburg Barmbek ins Weserbergland. Sein Vater Walter, ein Dentist, folgte später verwundet aus dem Krieg, in dem er als Maschinist auf einem Seenotrettungskreuzer gedient hatte..

Er erzählte wenig über diese Zeit, nur das er sich damals als Junge abgelehnt und überflüssig gefühlt hatte. Er hatte alles für seinen Tod vorbereitetet, Sterbeversicherung, den Nachlass geregelt, alles war geordnet. „Wer so gewirkt im Leben, wer so erfüllte sein Pflicht und steht sein Bestes hat gegeben, für mmier bleibt er euch ein Licht.“ Ich bin im Besitz einer seiner lieblings Schallplatten, Johnny Horton, Greatest Hits, die er seinerzeit für fünf Mark einem US amerikanischen GI abgekauft hatte.

Sein kleines Mädchen hat er dann doch noch bekommen. Wie er einmal auf sie aufpassen musste, als ihr größerer Bruder mit seinem Papa in Hannover im Krankenhaus lag, da ist er noch einmal richtig aufgeblüht.

Am Morgen des 24. Februars diesen Jahres, zu Beginn des Ukraine Krieges, hat ihn die Kriegsnachricht umgebracht, er verstarb an einem Herzinfarkt.

Djdeutschland

Der Vogel fraß sein Eio. Da gab er mir die Schalen. Ich sollt es niemand sagen. Da sagets ich, da schlug er mich, da grien ich. Da gab er mir ein Käs ein Brot. Da schwieg ich.

Jürgen Heinrich Simonis * 2.12. 36, † 24.2. 2022