Irritation und Verwirrung

Freund

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Danke Benny Bo

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Einer geht rein

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Schankweiler, von Brensc, der Hafen haben es immer gewusst,
Jan Fride, Ockenfels glauben an mich. Eine Spezial Ausbildung! Nun kommt: 
‚Einer geht rein zwei‘ (II) Jetzt bin ich auf dem Olymp: Einer geht rein:
Vor ihm liegen sechs Jahre Gefängnis, hinter ihm kein rechtschaffenes Leben. Und dazwischen? Von Wolfgang Bauer

 


Am Tag als Conny Wessmann starb

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CONNY war eines der schönsten Mädchen, sie arbeitete damals im Déjà Vu gleich bei uns um die Ecke. Wie wir sie zum ersten Mal sahen, hatten wir gerade zwei ‚Pappen gefressen‘, und als die Dinger endlich kamen, saßen wir an ihrer Bar, von der sie uns widerwillig Drinks über den Tresen servierte.

Wir fühlten uns wie die ‚coolsten Typen‘ weit und breit, aber sie mochte uns nicht. Sie hielt uns für aufschneidende Großmäuler, ’sie erkannte uns nicht‘. Jeder Versuch, sie zu uns einzuladen, scheiterte kläglich und als wir dann noch dumm und trunken in eine Schlägerei verwickelt wurden, flogen wir raus.
Später in der Nacht spürte ich auf meinem Trip eine tiefe, starke,
aber schöne Traurigkeit, die ich weder zuvor noch jemals danach gespürt hatte.

Später lernte man sich kennen, in der Stadt, in der man nach ein paar Jahren
bald jeden kannte, der einigermaßen von Bedeutung war. In einer anderen Nacht, in einem anderen Club, hätte sie mir fast einen Kuss gegeben, sie tat es dann aber leider doch nicht.

Dann sah ich, wie sie sich mehr und mehr veränderte.
Sie wurde dicker, achtete nicht mehr so stark wie vorher auf ihr Äußeres.
Sie rasierte sich eine Stoppelfrisur, trug Springerstiefel und metamorphosierte
zunehmend zur Antifaaktivistin.

In der Nacht des 17. November 1989 legte ich Platten in der Papiermühle auf, 
als plötzlich ‚Autonome‘ herein stürmten und mich aufforderten, das
Programm zu unterbrechen und die Durchsage zu machen:
„Die Bullen haben eine Frau in Göttingen ermordet“ Ich weigerte mich.

In den frühen Morgenstunden trafen wir an der Unfallstelle ein.
Wir hatten ein paar Leute befragt, die dabei gewesen waren.
Es war ein verdammter Unfall! Einer von denen, die ich schon oft in Göttingen gesehen hatte, in der Hitze dieser Gefechte; Gut gegen Böse; Rechts gegen Links; Autonome gegen Faschos; nur diesmal mit tödlichem Ausgang. Es war Conny.  Ich war erschüttert.

Sie war über eine stark befahrene Straße geflohen und von einem Auto erfasst worden, sie wurde durch die Luft geschleudert und war sofort tot.

Wir sperrten die Straße und errichteten brennende Barrikaden mit Holz, das wir von einer nahegelegenen Baustelle geklaut hatten. Wir blieben die ganze Nacht und den ganzen Morgen bis zum Mittag. Ich konnte es nicht fassen, Conny.
Hätte sie mir doch wenigstens diesen einen Kuß gegeben, hätte doch der Lauf der Welt, für diese eine, dann später alles entscheidende Minute angehalten!

Um zwölf Uhr Mittags gab es eine Demonstration (Foto oben).
Es wurden Reden geschwungen: „Mörder, für jeden den sie von uns umbringen, werden hundert weitere marschieren…“

Ein Mann, der einen umstehenden Einkaufswagen bestieg, um mit einer anderen Meinung zu erwidern, wurde gnadenlos nieder gebrüllt und unter Androhung von Gewalt zum Schweigen gebracht. Die Stimmung war aufgeheizt, Pogrom Stimmung!

Ich ergriff das Wort, wenn es auch in diesem Augenblick vielleicht nicht angemessen war.: „Wenn ihr hier einen mit Gewalt hindert zu sprechen, dann seid ihr die Faschisten!“

Tosende Empörung schlug mir entgegen,  ich wurde von der Menge aufgefordert
samt meiner Begleitung den Ort unverzüglich zu verlassen. Wir taten es in einer Art Spießrutenlauf, in der keiner es wagte Hand an uns zu legen.

Später verhängte man ein JUZI-Verbot (Jugendzentrum Innenstadt),
welches man seinerzeit arrogant missachtete und als eine Art Auszeichnung begriff.

Noch heute, wenn ich zu Besuch bin, sprechen mich mir wildfremde Menschen darauf an. In der Stadt, in der ich schon lange nicht mehr lebe, aber das mir Liebste immer noch wohnt. Sie klopfen mir auf die Schulter und dann frage ich mich: Wo warst Du?

djdeutschland

 


„Neger“

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Na ich mache es so: Die „NEGER“ vor meiner Tür – die sich mittlerweile ungefähr verzehnfacht haben, behandle ich freundlich. Ich will sie kennen! Ich kann Ihre Probleme nicht lösen (sie sind obdachlos), aber mildern, durch Freundlichkeit! Sie sind sehr freundlich zu mir und machen (in der Regel) was ich ihnen rate. Meine Probleme mit der Situation, kann nur „mein Freund Andy Grote“ lösen, der mittlerweile Innensenator in Hamburg – und für diese ‚intelligenten‘ Polizeieinsätze in meiner Straße verantwortlich ist. Ich komme nicht mehr so einfach an in ran, weil er, seit dem er Trump die Hand geschüttelt hat, scharf bewacht wird.

Mr. Babylon


Andy Grote ist ein Star.

Andy Grote

Wir sollten endlich auf unseren ‚Freund‘ Andy zugehen, ihn in den Schwitzkasten nehmen und ihn zu einem klaren Statement pro Legalisierung in St.Pauli Süd auffordern. Andy Grote ist ein Star! Er hat Donald Trump die Hand geschüttelt, makin‘ st.pauli süd great again!

Djdeutschland


Paradoxe Intervention

Postel in Berlin(Foto: Postel in Berlin)

Vor einigen Jahren. Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück, die Kinder lagen im Bett und ich lief noch schnell runter, um die Fahrräder einzuschliessen. Auf der Straße vorm „Onkel Otto“ traf ich Freunde und wir tranken ein Bier. Plötzlich ‚platzte‘ von allen Seiten die Polizei in den „Rechtsfreien Raum“. Streifenwagen hielten mit quietschenden Reifen auf dem Bürgersteig. Polizisten, scheinbar in höchster Not, rannten herbei.

Wie sich herausstellte, hatte jemand gegen den Mülleimer einer Bushaltestelle getreten, oder gepinkelt und war auf der Flucht. Später bemerkte ich, daß es der Sohn eines Freundes war. Die Polizei versuchte ihn mit aller Macht und Gewalt zu fangen. Den umstehenden ‚Punk-Rockern‘ und ‚Linken‘ (alles junge, Bier trinkende Leute) schien das egal zu sein, was ich monierte: „Wo Punk draufsteht, ist kein Punkrock drin!“

Die Situation eskalierte. Die Polizisten malträtierten den Flüchtenden nach allen Kräften. Weil ihm die Beamten von hinten die Beine wegtraten, stürzte er immer wieder hin. Dann schmissen sie sich auf ihn und er riss sich immer wieder los. Ich mischte mich ein. Ich sagte, daß wenn man nicht aufhöre, ich mich einmischen müsse! Ein paar Meter weiter eskalierte die ‚Szene‘ endgültig. Ein Beamter verlor seine gezogene Waffe, inmitten von fünfzig bis sechzig saufenden Punk-Rockern!

Meine Freundin kickte die Waffe unter ein neben ihr stehendes Auto. Jetzt entstand die Situation, die nie hätte entstehen dürfen.

Die Polizei nahm an, die Waffe sei jetzt im Besitz der Hafenstraße! Aber in die Hafenstraße darf keine Polizei hinein! Man ist dort darauf vorbereitet und stark bewehrt! Ein Polizist versuchte ins Otto zu kommen. Die ‚Ottos‘ schickten sich an, die schweren Flügeltüren zu schliessen. Der Polizist rüttelte. Die Ottos hielten zu. Es bahnte sich ein Kampf an.

Ich schlug die Paradoxe Intervention vor: Die Türen wieder öffnen. Den Polizisten rein schubsen. Ihn zum trinken und kiffen zwingen – und alles gut! Die ‚Ottos‘ überlegten. Der Polizist überlegte. In Hundertstel Sekundenschnelle trafen die Ottos die Entscheidung die Türen wieder zu öffnen. Der Polizist, die, wieder umzukehren. Fall gelöst.

Nach noch einigen Verwerfungen, meiner Verhaftung, Gewaltandrohung und einer Nacht in der Davidwache, hörte ich: Die Pistole wurde abgegeben. Es kam zum Prozess wegen versuchter Gefangenenbefreiung, obwohl es nie eine Befreiung des Gejagten gegeben hatte! Der Flüchtige konnte zu keinem Zeitpunkt gefangen genommen werden! Mein toller Anwalt Getzmann, liess sich mal wieder auf einen ‚Deal‘ ein. Die Polizisten hatten Glück. Ich zahlte 300 und wir versöhnten uns. Ein Einsatzleiter (maximale Sterne) hat sich später bei mir für die ‚Aktion‘ entschuldigt.

Für Sven, Djdeutschland

 


Kein schöner Land

IMG_1458Dieses mal war Weihnachten besonders wichtig! Nirgendwo singt man Stille Nacht – heilige Nacht schöner als in St. Pauli – schwer, schleppend. Die Kirche war diesmal brechend voll. Die `Buschmänner`, die die rassistischen Konsumenten anlocken, sind freundlich und gesprächsbereit. Sie haben sich verzehnfacht. Die, die guten Willens sind, scheinen sich hier zu sammeln. Je mehr Ghetto, desto weniger hirnlose Investoren. Das von mir Propagierte scheint sich zu bewahrheiten: die Revolution geht von St. Pauli aus!

Gegenüber in Dock 11 werden Kriegsschiffe gewartet, oder Luxusjachten –  von Milliarden schweren Waffen- Öl- Schrottschiebern. Geheim eingerüstet und eingeplant. Keiner soll es sehen, keiner soll es wissen. Merken!

Cruiser, um jede Menge Leute trockenen Fußes sicher reinzubringen, sind genug da. Geld, Feuerwerk und der dazugehörige Müll bis zum Abwinken vorhanden.

Mein Schwiegervater sagt, ich solle wegen der Kinder hier wegziehen, ich meine: Geld ist out, wenn die Massenpsychose ausbricht, bin ich hier sicher. Sitze ich auf der Straße, serviert man mir hier kostenlos Kaffee und Kuchen, ich bekomme jeden Tag handgeschriebene Briefe von hier, selbst die`Angler` umarmen mich zum Trost!

Jetzt fällt Schnee, es ist saukalt, der Sylvester-Grünkohl kam gerade richtig. Lionels diesjährige Plattenlieferung vom Feinsten! Noch einmal den Akku aufladen für das nächste neue lange Jahr.

Der nächste Sommer kommt bestimmt, wir werden da sein.

Djdeutschland


Einigkeit und Recht auf Freiheit

Head2Head_Merkel_1992Heute Nachmittag habe ich AU gemacht, Arbeitsunfähig, der Dottore steht in meiner Schuld. Ich konnte also die Rede der Kanzlerin live auf dem CDU Parteitag und meine Lieblingstelenovelas sehen! Die Rede war wirklich grandios und es lohnt sich wirklich sie in voller Länge anzuschauen und nicht auf die Berichterstattung zu vertrauen.

Passte auch ganz gut, weil ich heute Stress mit einem Syrer bei der Arbeit hatte, der mich als Nazi beschimpfte, sich von mir religiös beleidigt fühlte und dann – nach meiner Entschuldigung, auch noch zum Beamten rannte um mitzuteilen, daß er mich schlagen würde, wenn man mich nicht „auf Haus“ schicke. Wie ich heute Abend von Kundschaftern erfahre, hat es ihm ne gelbe Karte und die Androhung des Rausschmisses eingebracht.

Ich hatte ihm schon im Betrieb mitgeteilt, daß ich ihn liebe, aber nach seinem Versuch, mich bei den Beamten anzuschwärtzen, nicht mehr weiter mit ihm kommuniziere.

Na ja, die Kanzlerin hat mir jedenfalls Mut gemacht, daß wir das schaffen können –  auch diese aggressiven, religiösen, „Barmherzigen“, Hermann-Lietz-Schüler in unser Europa zu integrieren: „Unser Recht steht über Familien- Stammes- und Religionsrecht,“ gab die Kanzlerin in ihrer Rede an.

Neun Minuten Beifall.

Djd unter Arrest


Weltmeister

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Für tausend bittere stunden sich trösten, mit 120 minuten welche schön sind. seite an seite mit den argentinischen fans in der hamburger botschaft weltmeister geworden, durch boateng, ozil, semi kedira, müller, mario götze, neuer… ich witme den titel ISRAEL! deutschland ist europa, wir sind friedlich vereint, oder um es frei nach Tayyip Erdoğan zu sagen, wir sind fair im fußball, ihr seit gut im töten.

djdeutschland


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Sieben Tage Später

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Die besten Obst und Gemüsehändler der Welt

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Torsten und Doris Terheyde verkaufen Obst und Gemüse wie auf dem Wochenmarkt – nur mit Dach über dem Kopf (von Miriam Opresnik erschienen im Hamburger Abendblatt vom 1.06.14 HELDEN DES HANDELS – Der Gemüseflüsterer von St. Pauli)

Nichts. Kein Ladenschild. Keine Schaufensterbeschriftung. Kein Aufsteller. Kein Straßenständer. Keine Waren auf dem Fußgängerweg. Nichts. Nur dieser schmale Eingang mit zwei Stufen. Wer das Geschäft nicht kennt, läuft erst einmal vorbei. Vorbei an dem Laden in der Paul-Roosen-Straße 5. Vorbei an dem Gemüseflüsterer von St. Pauli, wie Torsten Terheyde genannt wird. Weil er ein Händchen für Obst und Gemüse hat. Weil er nur Waren verkauft, die er selbst am Großmarkt ausgesucht, die er selbst probiert hat. Und die ihn überzeugt haben. Etwas anderes kommt ihm nicht in den Laden.

Der Laden von Torsten Terheyde, 56, und seiner Frau Doris, 50, erinnert an eine vergangene Zeit. Eine Zeit, in der Obst und Gemüse noch nicht eingeschweißt und etikettiert in Kühltheken präsentiert und an Supermarktkassen gescannt wurde. Sondern in Kisten und Stiegen lag, altertümlich abgewogen und in dreieckige Papiertüten gefüllt wurde. Sein Laden erinnert an einen Einkauf auf dem Wochenmarkt. Nur mit Dach über dem Kopf. So beschreibt es eine Kundin im Internet, wo Torsten Terheyde als „bester Gemüsehändler der Welt“ bezeichnet wird. Obwohl, oder gerade weil die Schlange manchmal bis auf die Straße reicht. Klar freue er sich, so bezeichnet zu werden. Noch schöner findet er es aber, dass viele Kinder in der Umgebung nicht „Kaufmannsladen“ spielen. Sondern „Doris & Torsten“.

Torsten Terheyde ist jemand, mit dem gut Kirschen essen ist. Mit dem man schnacken kann. Über Kartoffelsorten oder Kinder. Über Linda und Annabelle. Das sind nicht seine Kinder, sondern seine Kartoffeln im Laden. Annabelle, die Verlässliche, die konstant im Geschmack ist. Und Linda, die Sensiblere von beiden, die stark wetterabhängig und daher wechselhaft schmeckt. Wer Torsten Terheyde so reden hört, könnte denken, er spreche über seine Kinder. Seine drei Jungs, auf die er so stolz ist. Auch, wenn keiner von ihnen bisher im Laden einsteigen will. Oder vielleicht gerade deshalb. Weil sie ihren eigenen Weg gehen. Ihr eigenes Ding machen. So wie er selbst damals. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm.

Eigentlich ist er Kaufmann im Reederei- und Schiffsmaklergewerbe, erzählt Torsten Terheyde, während er die Spitzen der Lauchstangen abschneidet und die äußeren Blätter entfernt. Sein Großvater Heinrich hat den Laden übernommen, als Torsten zwölf oder 13 Jahre alt war. Ende der 1960er-Jahre muss das gewesen sein. Genau weiß er das nicht mehr. Aber er weiß noch, wie er als Teenager im Laden Zwiebeln sortiert hat und dafür ab und zu eine Mark bekommt. Manchmal kauft er sich dafür Brausepulver, meistens spart er es. Für ein Tonbandgerät, mit dem er sich seine Musik zusammenstellt. Elvis Presley, George Harrison, Simon and Garfunkel. „Ein Jüngling“ sei er damals gewesen, sagt er und lacht. Der Lauch ist fertig, Torsten Terheyde noch lange nicht. Er hat viel zu erzählen.

Schon während seiner Kindheit in Altona sei er fasziniert von dem Hafen gewesen und habe sich gewünscht, eine Ausbildung in diesem Metier zu machen. „Eine aufregende Zeit war das“, sagt er. Ein Lebensgefühl, unbeschreiblich. Clique, Basketball, Disco. Eigene Wohnung. Wenn es dort zu kalt ist, legt er sich in die heiße Badewanne – oder zieht zeitweise zurück zu seinen Eltern. Dort ist es warm. Dort ist sein Zuhause. Dort beschließt er irgendwann, den Obst- und Gemüseladen seines Opas zu übernehmen, als dieser zu alt dafür ist. Die Selbstständigkeit habe ihn gereizt. Die Vorstellung, sein eigener Herr zu sein. Sein Ding zu machen. Auch wenn seine Eltern ihm davon abraten. Sie führen selbst bereits ein Obst- und Gemüsegeschäft und wissen, wie viel Arbeit das ist. Doch Torsten Terheyden sind die Einwände egal. Alles Banane.

30 Jahre ist das her. Torsten Terheyde hat sich verändert. Das sieht man an dem alten Bild aus den 1980er-Jahren, das ihn vor dem Laden zeigt. Mit Dauerwelle, einer Kiste Erdbeeren im Arm und einer Zigarette im Mund. Die Haare sind kurz, das Rauchen hat er vor langer Zeit aufgegeben. Doch sein Enthusiasmus ist heute der gleiche, wie er ihn auf dem alten Foto ausstrahlt. „Vielleicht ist das unser Geheimnis“, sagt er und meint: dass er jeden morgen selbst zum Großmarkt fährt. Nicht, um Obst und Gemüse einzukaufen. Sondern um Waren auszusuchen. Auszuwählen. Mit dem Anspruch, die besten Sachen zu finden. Für seine Kunden. Schließlich würden sich diese auf ihn verlassen.

Auf ihn persönlich. „Ich will damit aber nicht behaupten, dass ich etwas besser mache als andere“, sagt er. Das liegt ihm nicht. Ihm geht es nicht darum, andere schlechtzumachen. Er will kein Gegeneinander. Sondern ein Miteinander. Deswegen empfindet er die anderen 172 Obst- und Gemüseläden in Hamburg oder den gegenüberliegenden Edeka-Markt auch nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung. „Wenn es Edeka hier nicht gäbe, würden viel weniger Menschen in diese Straße kommen“, sagt er. Und überhaupt: Man soll Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Apropos Äpfel: „Diese Äpfel sind der Knüller“ hat Torsten Terheyde auf ein Stück Pappe geschrieben. Weil das mehr aussagt als jeder Werbeslogan. Weil das seine Meinung ist. Und die wollen die Leute hören. Deswegen kümmert sich Torsten Terheyde persönlich um den Einkauf. Andere Einzelhändler delegieren diese Aufgabe inzwischen und schalten sogenannte Logistikdienstleister in der Warenbeschaffung ein. Er nicht. Weil er selbst am besten weiß, bei welchem Großhändler es die „Knüller“-Äpfel gibt und bei welchem die besten Kartoffeln. Rund acht Großhändler sind es, von denen Torsten Terheyde sein Obst und Gemüse bezieht. Acht von rund 400 Marktfirmen, die auf dem Großmarkt ihre Waren verkaufen.

Rund 1,5 Millionen Tonnen sind es jährlich. „Das entspricht einem Warenwert von zwei Milliarden Euro pro Jahr“, sagt Torsten Berens. Er ist Geschäftsführer des Landesbetriebes Großmarkt Obst, Gemüse und Blumen und beobachtet seit 2008, wie sich der Großmarkt, wie sich die Branche verändert. Nach Angaben des Deutschen Fruchthandelsverbandes werden inzwischen mehr als 85 Prozent der frischen Obst- und Gemüsewaren über den Lebensmitteleinzelhandel verkauft, kaum noch über Wochenmärkte. „In Deutschland spielen die Discounter – wie Aldi und Lidl – eine besondere Rolle“, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbandes, dem Zusammenschluss von Großhändlern und Importeure. Bei frischem Obst und Gemüse beträgt ihr Marktanteil bereits rund 50 Prozent. Das Problem: „Aufgrund ihrer vorherrschenden Marktstellung und des wahnsinnigen Wettbewerbs, bestimmt der Discount die Preise. Dieser Druck geht weiter auf andere Einzelhändler, Großhändler, Importeure und natürlich auf die Erzeuger in aller Welt“, so Brügger.

Er wird täglich mit den Problemen der Branche konfrontiert. Problemen wie dem Konkurrenzkampf, den täglich steigenden Kosten für Transportmittel, Energie, Zertifizierungen, Laboruntersuchungen, Verpackungsmitteln, Rückverfolgbarkeitssystemen. Demgegenüber steht ein rückläufiger Obst- und Gemüseverbrauch in Deutschland. Von 2008 bis 2013 ist der Pro-Kopf-Verbrauch von Gemüse von 34,8 auf 33,5 Kilo gesunken, der Verbrauch von Obst von 46,2 auf 41,9 Kilo pro Kopf und Jahr. Großmarkt-Chef Torsten Berens beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Immer mehr Einzelhändler müssen aufgeben, weil sie im Preiskampf untergehen oder keinen Nachfolger für ihr Unternehmen finden“, so Berens.

Rund 5000 Einzelhändler von Obst- und Gemüsefachgeschäften, Wochenmärkten, Gastronomiebetrieben, Cateringunternehmen und Großküchen haben derzeit einen Ausweis für den Großmarkt, der mit 40.000 Quadratmetern Verkaufsfläche für Obst und Gemüse, sowie 10.000 Quadratmetern für Blumen Deutschlands größter Großmarkt ist und dessen Einzugsgebiet sich bis nach Skandinavien und Osteuropa erstreckt.

Ab zwei Uhr morgens ist der Obst- und Gemüsebereich für die Einkäufer geöffnet. Wenn die Verkaufszeit sieben Stunden später, um neun Uhr, endet, beginnt für Torsten Terheyde die Arbeit im Laden. Die Waren müssen ausgeladen, eingeräumt und sortiert werden. Jeder Apfel, jede Erdbeere, jeder Salat und jede Paprika wird kontrolliert. Was nicht vollkommen in Ordnung ist, kommt in die Restpostenabteilung, in der die Waren zu stark ermäßigten Preisen angeboten werden. Für’n Appel und ’n Ei, sozusagen. „Da die Sachen oft nur kleine Schönheitsfehler haben, sind sie heiß begehrt“, sagt Torsten Terheyde. Stolz, weil sie seitdem kaum noch Waren wegschmeißen müssen. Stolz, weil jeden Tag 100 Kunden zu ihm kommen. Weil der Laden läuft. Brummt, wie er es nennt. Hart sei das Geschäft trotzdem, sagt er, als er darauf angesprochen wird. Weil Obst und Gemüse ein Saisongeschäft sei und er in der Hauptsaison überproportional viel Gewinn machen müsse, um über die lauen Herbst- und Wintermonate zu kommen. Um auch dann seine laufenden Kosten decken zu können. Seine Sozialabgaben, Geschäftskosten. Rund 1400 Euro sind es allein für Kranken- und Pflegeversicherung und Rente.

Seinen Stundenlohn rechnet er schon lange nicht mehr aus. „Wenn es mir darum ginge, könnte ich den Job nicht machen“, sagt er und meint: Wenn es ihm um geregelte Arbeitszeiten ginge, um ein gutes Einkommen, regelmäßigen Urlaub. Früher hat er gar keinen Urlaub gemacht, heute nur manchmal. „Weil es nicht drin ist, eine Reise zu bezahlen und gleichzeitig die laufenden Kosten zu decken – während der Laden geschlossen ist und nichts reinkommt“, sagt er. Deswegen seien die Kinder viele Jahre mit seinen Schwiegereltern in den Urlaub gefahren, nicht mit ihm. Weil er in der Zeit gearbeitet hat. Aber Torsten Terheyde will nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Dass die Menschen glauben, er beklage sich oder sei unglücklich darüber. Im Gegenteil: Torsten Terheyde ist glücklich. Zufrieden. „Lebensfroh“, wie er es selbst nennt. Er habe Spaß am Leben. Spaß an der Arbeit, dem Kontakt mit den Kunden. Er kennt ihre Vornamen, kennt ihre Vorlieben. Er weiß, wer lieber Linda oder Annabelle isst, wer keine Tomaten mag oder die Avocados zwei Tage im Voraus kauft und sie erst dann entsprechend reif haben möchte.

Er kennt seine Kunden – und seine Kunden kennen ihn. Viele davon schon, seit er bei seinem Großvater im Laden geholfen hat. „Deswegen nennen mich die meisten auch beim Vornamen“, sagt er. Er mag diese Vertrautheit im Stadtteil, auch wenn er lange schon nicht mehr hier wohnt, irgendwann nach Pinneberg gezogen ist. Warum er dort kein Geschäft eröffnet hat? Obwohl es dort für ihn doch viel praktischer, näher, wäre? „Weil ich nicht irgendeinen Laden führen will“, sagt er bestimmt. „Sondern genau diesen.“ Diesen Laden mit dem alten Linoleumfußboden und den vergilbten Werbeplakaten an den Wänden. Mit den Pappkartons, Kartoffelsäcken und Obststeigen. Dieser „tolle Laden“, wie ihn die Kunden nennen, und damit nicht die moderne Ausstattung meinen, sondern das Ambiente. Dieser Laden, der kein Ladenschild braucht. Keine Schaufensterbeschriftung. Keine Werbetafel. Nichts. Nur Torsten Terheyde und seine Frau Doris.

Doris, die sich kurz nach der Geburt des dritten Sohnes eigentlich nur um den Blumenverkauf im Laden kümmern wollte, dann aber ganz ins „Obst- und Gemüsebusiness“ eingestiegen ist. Auf Anraten ihrer Mutter. „Kind, lass dir doch lieber alles im Laden zeigen. Dann kannst du mal einspringen, wenn Torsten krank ist“, hat ihre Mutter damals zu ihr gesagt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann“, sagt Doris Terheyde und erinnert sich daran, wie sie in den sauren Apfel biss und bei Torsten in die Lehre ging. Torsten, „der nicht gerade ein geduldiger Lehrer“ ist und jedes Mal neben ihr stand, wenn sie einen Kunden bedient hat.

Drei bis vier Jahre geht das so, bis die Eheleute die Aufteilung der Arbeitstage unter sich beschlossen. Damit Doris sich an „ihren“ Tagen voll ausleben konnte und Torsten mehr Zeit für die Jungs hatte. Für die Jungs, die inzwischen Männer sind. Rico, 17, der „Kleine mit der kreativen Ader“, wie Doris ihn nennt, auch wenn er schon 1,92 Meter groß ist. Timo, 24, der als Fachkraft für Süßwarentechnik tätig ist – „als Gegenpol zu unserem gesunden Kram“, so ein gängiger Scherz der Eltern. Und Marco, 28, der Wirtschaftsingenieur studiert und mit dem Doris den Laden geführt hat. Im August 2012, als genau das eingetreten ist, was Doris Mutter einst befürchtet hatte. Als Torsten Terheyde krank wird. Operiert werden muss. Wochenlang ausfällt. „Die Herzklappe war fast abgerissen“, sagt Doris Terheyde und probiert das Unbeschreibliche zu beschreiben. Den Schock, die Angst. Todesangst. Existenzangst. Irgendwann in dieser Zeit fängt sie an, Tagebuch zu schreiben. Um die Gedanken zu sortieren. Um eine Situation zu beherrschen, die sie beherrscht. „Um 4.45 Uhr holt uns der Wecker in die knallharte Realität“, schreibt sie am 22. August. Es ist der Tag, an dem Torsten ins Krankenhaus kommt und sie das erste Mal alleine zum Großmarkt fährt, alleine die Waren auswählt. Sie, die keine Ahnung vom Großmarktgeschehen hat. Sie, die gerade als Model entdeckt worden war und Modenschauen lief. Sie, die immer die Frau an Torstens Seite gewesen war. Bis sie seinen Platz einnehmen musste.

Zwei Jahre ist das jetzt her. Die Narbe auf der Brust von Torsten Terheyde ist verblasst, die Erinnerung nicht. Und das ist gut so. Denn Doris Terheyde erinnert sich nicht nur an den Strudel aus Angst und Verzweiflung. Sondern auch an dieses großartige und starke Lebensgefühl. Das Gefühl, es geschafft zu haben. Alles schaffen zu können. Wenn man an sich arbeitet und an sich glaubt. Wenn man sich auf die Menschen einlässt. „Vielleicht kommen die Leute deswegen so gerne zu uns“, sagt sie. Denkt nach, überlegt. Schweigt. Weil es vielleicht keine Erklärung gibt. Weil man den Laden vielleicht selbst erleben muss. Irgendwo in der Paul-Roosen-Straße. Dort, wo es kein Ladenschild gibt. Keine Schaufensterbeschriftung. Keinen Aufsteller. Weil dieser Laden keine Werbung braucht. Nichts. Weil er alles schon hat.


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Gefahrengebiet

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Whistleblower

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„Wenn Whistleblower nach vorne treten, dann müssen wir für sie kämpfen, damit andere ermutigt werden, es ihnen gleich zu tun. Wenn sie geknebelt werden, dann müssen wir ihre Stimme sein. Wenn sie gejagt werden, dann müssen wir ihr Schutzschild sein. Wenn sie eingesperrt werden, dann müssen wir sie befreien. Es ist kein Verbrechen, uns die Wahrheit zu sagen.“ 

„Der Macht entgegenstellen“

Gastbeitrag von Sarah Harrison und Peter Kleinert Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison hat das Versteck von Edward Snowden in Moskau verlassen und ist nach Berlin gereist. Sie sei nach mehreren Wochen an der Seite Snowdens am Wochenende in Deutschland eingetroffen, hieß es am Mittwoch in einer von der Enthüllungsplattform veröffentlichten Erklärung. Aus Angst vor Repressalien kehre sie nicht ihr Heimatland Großbritannien zurück, schrieb Harrison. Wie lange sie sich in Deutschland aufhalten will und wie ihre weiteren Pläne sind, geht aus ihrem Offenen Brief nicht hervor, den wir hier veröffentlichen. In ihrem am Mittwoch, 6. November, verfassten Offenen Brief an die deutsche Öffentlichkeit beschreibt die Journalistin es als ihre Pflicht, „sich der Macht entgegenzustellen“. Gleichzeitig wirbt sie dafür, Snowden Asyl in Deutschland zu gewähren. Selbst tagesschau.de dokumentierte das Statement der Snowden-Vertrauten im Wortlaut: „Nachdem ich die letzten vier Monate als Journalistin zusammen mit dem NSA-Whistleblower Edward Snowden verbracht habe, bin ich an diesem Wochenende in Berlin angekommen. Ich gehörte zu dem kleinen WikiLeaks-Team, das in Hongkong eine Reihe von Asylmöglichkeiten für Snwoden vermittelte. Ich verhandelte auch über seine sichere Ausreise aus Hongkong, damit er sein Recht auf politisches Asyl ausüben konnte. 39 Tage im Transitbereich Ich war mit ihm unterwegs nach Lateinamerika, als die USA seinen Reisepass für nichtig erklärten und er in Russland strandete. Die nächsten 39 Tage verbrachte ich mit ihm im Transitbereich des Moskauer Scheremetjewo-Flughafens und half ihm, in 21 Ländern, darunter auch Deutschland, Asyl zu beantragen. Trotz des erheblichen Drucks der USA gelang es uns, ihm Asyl in Russland zu verschaffen. Ich blieb weiter an seiner Seite, bis sich unser Team sicher war, dass er sich dort eingerichtet hat und ihn keine Regierung der Welt stört. Während Snowden nun erst einmal sicher und geschützt ist, bis sein russisches Visum in neun Monaten erneuert werden muss, gibt es noch viel Arbeit zu erledigen. Edward Snowden hat sich dem Kampf gegen staatliche Überwachung und für mehr Transparenz der Regierungen angeschlossen – es ist ein Kampf, den WikiLeaks – und viele andere – seit langem führen und den wir fortsetzen werden.

Der Krieg geht weiter

WikiLeaks kämpft an vielen Fronten: wir kämpfen gegen Mächtige, die keine Rechenschaft geben wollen, und gegen die Geheimniskrämerei der Regierungen. Wir veröffentlichen Analysen und Dokumente für alle Betroffenen und sorgen dafür, dass die Öffentlichkeit ihre Geschichte zurückerhält, denn sie gehört ihr. Dafür kämpfen wir in Rechtsstreitigkeiten an vielen Orten und sind in einem noch nie dagewesenen Prozess in den USA angeklagt. WikiLeaks setzt sich weiter dafür ein, dass Quellen geschützt werden. Wir haben die Schlacht um Snowdens unmittelbare Zukunft gewonnen, aber der Krieg geht weiter.

Es ermutigt mich, was ich in den wenigen Tagen seit meiner Ankunft in Deutschland erlebt habe: Die Menschen versammeln sich und fordern ihre Regierung dazu auf, endlich das zu tun, was getan werden muss – die Enthüllungen über das NSA-Spähprogramm müssen untersucht und Edward Snowden muss Asyl angeboten werden. Die Vereinigten Staaten sollten nicht länger in der Lage sein, jede Person auf diesem Planeten auszuspähen und zugleich diejenigen zu verfolgen, die diese Wahrheit aussprechen.

Die britische Regierung bricht das Gesetz

Snowden befindet sich in Russland momentan in Sicherheit, aber es gibt Whistleblower und Informanten, auf die dies nicht zutrifft. Chelsea Manning wurde von der US-Regierung misshandelt und sitzt momentan eine 35-jährige Haftstrafe ab, weil sie die wahre Natur des Krieges offengelegt hat. Jeremy Hammond steht ein Jahrzehnt in einem New Yorker Gefängnis bevor, weil er Journalisten Dokumente weitergegeben hat, die die Rolle von Privatfirmen in den Spähprogrammen belegen. Ich hoffe, ich habe ein Gegenbeispiel geliefert: Mit der richtigen Hilfe können Whistleblower die Wahrheit sagen und zugleich ihre Freiheit behalten.

Journalisten, Verleger und Experten, die so mutig dafür arbeiten, dass die Wahrheit ans Licht kommt, werden hart attackiert. Glenn Greenwald, Laura Poitras und Jacob Applebaum befinden sich faktisch im Exil. Barrett Brown ist angeklagt, weil er über unethische Überwachungspraktiken berichtet hat. Mein Chefredakteur Julian Assange hat wegen der amerikanischen Drohungen Asyl bekommen, aber Großbritannien gestattet es ihm nicht, dieses Recht auszuüben. Dadurch wird das Gesetz gebrochen. Die britische Regierung hat außerdem David Miranda auf Grundlage des britischen Terrorgesetzes in Gewahrsam genommen, weil er mit Laura Poitras und Glenn Greenwald zusammen arbeitet.

In Großbritannien bin ich nicht mehr sicher

Das britische Terrorgesetz definiert Terrorismus als Handlung oder die Androhung einer Handlung, die „darauf zielt“, eine Regierung „im Sinne eines politischen oder ideologischen Anliegens zu beeinflussen“. Darunter fallen Handlungen, die das Funktionieren eines „elektronischen Systems“ (also das riesige Spähprogramm der NSA) stören oder Aktionen, welche nach Ansicht der Regierung ein „Risiko“ für einen Teil der Öffentlichkeit darstellen. Es klingt abstrus, Journalismus als Terrorismus zu bezeichnen, dessen Ziel es ist, über nationale Sicherheit zu berichten, für eine ehrliche Regierung zu sorgen oder die simpelsten Bürgerrechte durchzusetzen.

Aber die britische Regierung hat sich entschieden, dieses Gesetz so zu interpretieren. Fast jeder Bericht, der über das umfangreiche Spähprogramm der NSA oder des britischen Geheimdiensts GCHQ veröffentlicht wurde, fällt in die Kategorie von „Terrorismus“, wie ihn die britische Regierung interpretiert. Deshalb machen mir unsere Anwälte geraten, dass es für mich nicht sicher ist, in meine Heimat Großbritannien zurückzukehren.

Sich der Macht entgegenstellen

Es ist die Aufgabe der Presse, sich der Macht entgegenzustellen. Und trotzdem werden wir verfolgt, wenn wir unsere Arbeit machen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass uns diese aggressiven und illegalen Taktiken (durch willkürliche Interpretation von Gesetzen, übereifrige Anschuldigungen und unverhältnismäßige Gefängnisstrafen) zum Schweigen bringen. Ich erkläre mich mit denen solidarisch, die eingeschüchtert und verfolgt werden, weil sie der Öffentlichkeit die Wahrheit mitteilen wollen.

In diesen Zeiten der Geheimhaltung und des Machtmissbrauchs gibt es nur eine Lösung: Transparenz. Wenn unsere Regierungen so kompromittiert sind, dass sie uns nicht die Wahrheit sagen wollen, dann müssen wir nach vorne treten um für Transparenz zu sorgen. Wenn die Leute die eindeutigen Belege in Form von Originaldokumenten sehen, dann können sie zurückschlagen/sich wehren. Wenn unsere Regierungen uns diese Informationen nicht geben wollen, dann müssen wir sie uns selbst nehmen.

Wenn Whistleblower nach vorne treten, dann müssen wir für sie kämpfen, damit andere ermutigt werden, es ihnen gleich zu tun. Wenn sie geknebelt werden, dann müssen wir ihre Stimme sein. Wenn sie gejagt werden, dann müssen wir ihr Schutzschild sein. Wenn sie eingesperrt werden, dann müssen wir sie befreien. Es ist kein Verbrechen, uns die Wahrheit zu sagen. Es sind unsere Daten, unsere Informationen, unsere Geschichte. Wir müssen kämpfen, damit diese wieder uns gehören. Mut ist ansteckend.“

Hinweis der Redaktion:

Während die ARD bei „tagesschau.de“ den Offenen Brief von Sarah Harrison im Netz dokumentierte, brachten ihre TV-Redakteure in den Mittagsnachrichten und im Mittagsmagazin des 7.11. dazu keinerlei Informationen. Um 17 und 20 Uhr gab es in einem Beitrag über die britischen Geheimdienste nur ein paar Sekunden über die Snowden-Unterstützerin. „arteJOURNAL“ dagegen berichtete am Abend über sie und ihren Offenen Brief, und in „tagesschau 24“ am heutigen Freitag, 8. November gab es dazu endlich ein angemessenes Interview mit dem NDR-Journalisten John Goetz.

http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19651


Und ob ich mich alleine im Halbkreis aufstellen kann!

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Wigald Boning Und ob ich mich alleine im Halbkreis aufstellen kann!
Ich habe in den letzten Jahren viel mit meinen französischen Freunden über Politik diskutiert. In deren Augen bin ich Deutschland, und ich habe mit der Zeit diese Sichtweise übernommen. Nein, ich bin nicht nur Deutschland, ich bin sogar der typische Deutsche, mit allem, was dazugehört. Früher distanzierte ich mich gerne, gab mich als „Nur“-Europäer, als Möchtegernstaatenloser, als Jazzer (die haben im Normalfall immer ihren Pass verlegt). Der Wandel geschah wohl unter dem Eindruck der Selbstverständlichkeit, mit der Franzosen sich als Franzosen definieren – und zum Glück habe ich sehr schlaue, humorvolle Freunde, die diese Selbstverständlichkeit mit dem keckstmöglichen Augenzwinkern verknüpfen.
Ich bin tatsächlich als „typischer Deutscher“ bestens geeignet, weil sich einerseits in meiner Familiengeschichte alle Brüche wieder finden, vom katholischen Widerstand, KZ, Duckmäuser, Antisemitismus, äußerster Heldenmut, Traumatisierung durch den ersten Weltkrieg, Angst, Suff, Armut, Heimatliebe – und von all dem auch das genaue Gegenteil. Außerdem bin ich zum Viertel Pole, das ist ja auch nicht untypisch. Ich bekenne mich zu jedem einzelnen Detail. Es mag vielleicht kein Vergnügen sein, Deutscher zu sein, aber es ist verdammt interessant. Es fällt mir leicht, in mir all jene Charakterzüge aufzuspüren, die man in den letzten 2000 Jahren mit dem „Deutschsein“ in Verbindung brachte, beginnend bei Tacitus („Frisia non cantat“), über Marc Twain bis hin zum Wahlspruch der SS: „Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst Willen zu tun“. Ich weiß exakt, was gemeint ist.
Meine französischen Freunde mögen mich (behaupte ich mal), und sie mögen mich auch, weil sie mich als den Repräsentanten eines Volkes kennengelernt haben, das vielleicht doch nichts erkennbares „geworden“ ist, aber dennoch ohne Zweifel erwachsen -so wie eben ich, als sein Vertreter zum Thema Weltpolitik: Aus französischer Sicht betreiben wir allerdings Weltpolitik, und zwar viel zu viel. Jene Spezialbeziehung, die wir zu Russland aufgebaut haben, wird vom Rest Europas mit Wachsamkeit verfolgt. Der Machtzuwachs durch diese (in ihren Augen) privilegierte Partnerschaft führte zum Beispiel dazu, dass Sarkozy mit der „Union pour la méditerranée“ ein Gegengewicht schaffen wollte – und er wurde von Merkel eiskalt gestoppt.
Ja, ich weiß, man liest in diesen Tagen viel, wir seien nicht ausreichend global engagiert. Mag ja sein. Aber jedes Engagement muss nicht nur sinnvoll sein (Afghanistan war in der Rückschau betrachtet ja kaum sinnvoll, oder?), sondern darf auch nicht dazu führen, dass neue Verwerfungen innerhalb Europas provoziert werden. Die Lösung ist, wieder einmal: Europa. Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Aber das wissen sie ja schon :)
Wigald Boning

Katalogrelease

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Große Katalogrelease Veranstaltung von Friends and Lovers in Underground

Mi, 27.3. ab 19 Uhr
Leporello Performance
edvin adler
MR. KRELLi
eddi paff feat. mariüs – chanson & accordeon
Gerd Bauder
Jentle Ben impro mit Johanna Bruckner
Nikae
Raffaello

hinter dem Rolltor vom Kunstverein Hamburg

Zugang über den Parkplatz, Klosterwall 23

weitere Infos: friendsandloversinunderground.de


Kurzmitteilung

Kim Jong un

Nordkorea zeigt sich immer offener: Mit der Basketballlegende Dennis Rodman besuchte Kim Jong-un ein Basketballspiel in Pyongyang. Zudem wurde es Touristen erstmals erlaubt, ihre eigenen Handys mit ins Land zu nehmen.


Hände weg von Hollenbeck!

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Sternen-Freundschaft. — Wir waren Freunde und sind uns fremd geworden. Aber das ist recht so und wir wollen’s uns nicht verhehlen und verdunkeln, — als ob wir uns dessen zu schämen hätten. Wir sind zwei Schiffe, deren jedes sein Ziel und seine Bahn hat; wir können uns wohl kreuzen und ein Fest miteinander feiern, wie wir es getan haben, — und dann lagen die braven Schiffe so ruhig in Einem Hafen und in Einer Sonne, dass es scheinen mochte, sie seien schon am Ziele und hätten Ein Ziel gehabt. Aber dann trieb uns die allmächtige Gewalt unserer Aufgabe wieder auseinander, in verschiedene Meere und Sonnenstriche und vielleicht sehen wir uns nie wieder, — vielleicht auch sehen wir uns wohl, aber erkennen uns nicht wieder: die verschiedenen Meere und Sonnen haben uns verändert! Dass wir uns fremd werden müssen, ist das Gesetz über uns: eben dadurch sollen wir uns auch ehrwürdiger werden! Eben dadurch soll der Gedanke an unsere ehemalige Freundschaft heiliger werden! Es gibt wahrscheinlich eine ungeheure unsichtbare Kurve und Sternenbahn, in der unsere so verschiedenen Strassen und Ziele als kleine Wegstrecken einbegriffen sein mögen, — erheben wir uns zu diesem Gedanken! Aber unser Leben ist zu kurz und unsere Sehkraft zu gering, als dass wir mehr als Freunde im Sinne jener erhabenen Möglichkeit sein könnten. — Und so wollen wir an unsere Sternen-Freundschaft glauben, selbst wenn wir einander Erden-Feinde sein müssten.


Clark Kent wird Blogger

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Der mächtigste Mann des Planeten kehrt der gedruckten Zeitung den Rücken. Der Reporter Clark Kent, besser bekannt als Supermann, verlässt sein angestammtes Blatt „Daily Planet“ und wird Blogger.


Helena Huneke * 9. 2. 1967 – † 15. 11. 2012

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Von Dina:

Helena war schön und gut, sie war mir eine gute Freundin, weil sie sich mir immer von ihrer schönsten Seite zeigte. Durch ihre Schönheit hat sie mich gelehrt und hat mir Mut gemacht.
Ich bin unendlich traurig, daß sie nicht mehr lebt und bin unendlich froh, daß sie mich nicht verlassen hat, noch immer wirkt ihre Schönheit und gibt mir Kraft, in dieser Welt zu leben und sie zu gestalten: in Helenas Sinne, denn sie war klug und wusste, was gut ist. Ich trauere um sie, ihre Güte hat mich sanft gelehrt.

Von Ellen:

Als ich Helena vor 10 Jahren kennen gelernt habe, hatte sie ihr Wohnzimmer in ein Restaurant verwandelt und eine Einladung an ihren Künstler-Bekanntenkreis herausgegeben, vorbeizukommen. Einige Leute kamen vorbei, die ich damals in ihrer Wohnung zum ersten Mal sah, in gewisser Hinsicht bin ich dort von den Kunststudentenkreisen in die Kunstszene übergewechselt.
In ihrem Wohnzimmer waren mehrere kleine Tischchen aufgestellt, so dass man, wie in einem richtigen Restaurant, an verschiedenen kleinen Tischen saß und dadurch eine Distanz hatte zu den anderen Tischen, obwohl man natürlich von Tisch zu Tisch redete, weil alle sich mehr oder weniger kannten.
Die schöne Helena, sie war dabei in den Hintergrund getreten, oder sie hat es versucht. Sie ging von Tisch zu Tisch, nahm Getränkebestellungen auf und servierte das Essen. Dabei war sie sehr fein.
Das besondere war, dass alles so echt wirkte. Sie hat uns so selbstverständlich bedient, als sei dies ihr Beruf. Als würde sie das schon lange machen. Außerdem war die Wohnung wunderschön. Alles an ihrer Wohnung war wie Kunst, und alles, was darin stattgefunden hat.
Später hat ein Freund mich mal gefragt, ob es nicht auch in Helenas Restaurant gewesen sei, dass man dort Wassersuppe gegessen hätte. Daran erinnerte ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, es kann aber gut möglich gewesen sein.
Dafür weiß ich noch genau, wie ich mich gefühlt habe, als ich in ihrer Wohnung war. Ich wollte so sein wie sie, ich war in eine tiefe Bewunderung gefallen. Alles hat gepasst, alles war Leben. Ihre sehr hohen Glitzerplateau-Schuhe, die in die Ecke geknallt waren und gewisser Weise einen Widerspruch bildeten zu ihrem Strickmantel, obwohl alles doch so gut passte. Die dicke Katze, die vom Auto angefahren war und nun genas. Jeder Teller, alles erschien mir frei, offen, möglich. All diese souveränen Künstler, die so einen starken Charakter ausstrahlten in diesem Arrangement und für die all das so normal schien.
Als ich das zweite mal ihr Gast war, habe ich meine Mütze bei ihr vergessen. Jemand teilte mir mit, als habe ich einen Orden verliehen bekommen, dass Helena mich möge. Das war für mich wie eine große Auszeichnung und ich habe meine Mütze abgeholt. Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf, ob sie nicht mit mir ausgehen wolle, ich war sehr geehrt. Von da an waren wir Freunde, und ich war stolz. Von ihr habe ich gelernt.
Helena hatte vor allem zwei herausstechende Charaktereigenschaften, die mir gleich einfallen. Sie war fein, und sie war radikal. Ihr Körper schien manchmal zu schweben, wenn sie lief, sie schien so leicht zu sein. Ihre Sprache war vornehm und poetisch. Helena hat damals Installationen gemacht, viele Stoffe sind darin vorgekommen, übereinander gefaltet, zusammengenäht. Darin konnte alles stattfinden und oft hatte es was mit ihrem ganz persönlichen Leben zu tun. Schrift, Kritzeleien waren genauso ein Ausdrucksmittel wie ihre sensiblen Arrangements von Gegenständen. Die Objekte wirkten immer sensibel, hatten eine Liebe fürs Detail, aber waren auch radikal. Radikal, weil sie keine Distanz zuließen.
Als ich studiert habe, habe ich mal einen Vortrag gehört, wie jemand den Künstler in der Galerie mit dem Tier im Zoo verglich. Einerseits seien die Tiere eingesperrt, andererseits wäre es eine Möglichkeit überhaupt eine Plattform zu bieten, die Tiere sichtbar macht, um ein Verhältnis mit ihnen aufzubauen und ihre Existenz aufzuzeigen. So ähnlich gestalte es sich auch mit dem Künstler und seiner Kunst. Der Rahmen, dh der weiße Raum, die Galerie, der Kunstverein und das Museum , seien einerseits eine Verfälschung desjenigen, was wirklich entsteht und passiert und der Sichtweise eines Künstlers. Andererseits wird durch diese Distanz auch ein Schutzraum hergestellt, der vor allem dem Künstler dazu dient, gesehen zu werden, Anerkennung zu bekommen, einen Dialog entstehen zu lassen, in welcher Form auch immer.
Trotzdem sind die Bedingungen, die für einen Künstler auf diese Art und Weise geschaffen werden, eine Herausforderung, etwas, zu dem man sich verhalten muss. Für Helena gab es diese Grenzen nicht. Oder wenn es sie gab , hat es ihr Spaß gemacht, sie zu übersehen.
Mit ihrem Restaurant hat sie eine Performance gemacht, ihre Wohnung ausgestellt, ihre persönlichen Gegenstände zu Objekten werden lassen. Das Lebensmittel an sich wurde künstlich im Sinne der Kunst .
Man konnte in ihrem Restaurant auch für das Essen bezahlen. Ein ziemlich ausgetüfteltes Rätsel hing an der Tür, das konnte man lösen und wenn man auf die Lösung kam, so konnte man erraten, wie viel Geld man für sein Essen hinterlassen könnte und somit war man wieder im richtigen Leben angekommen.
Ich habe mir vorgestellt, dass alles, was Helena macht, ihren Einkaufzettel schreiben, die Nudeln, die sie isst, dass das für sie eine Bedeutung hat von Kultur, einen Wert, den sie versucht hat, an die Kunst weiterzugeben und so konnte man Papiere ausgestellt sehen, die gleichzeitig für philosophische Randnotizen und für den Speiseplan dienten. Hat sie Installationen gemacht, so sind die zu Kunstobjekten geworden, persönliche Gebrauchsgegenstände sind wieder darin aufgetaucht. Auftauchen konnte darin alles Mögliche, und man konnte dessen Bedeutung nicht immer einfach entschlüsseln, erkennbar machen. Aber eines war sicher: diese Gegenstände, diese fein zusammengestellten Arrangements hatten eine persönliche Bedeutung und waren dadurch erfüllt von Leben. Helenas Talent bestand unter anderem darin, so etwas sichtbar zu machen, indem sie die Grenzen überschritt, das Subjektive zum Allgemeingültigen ernannte, im Subjektiven die Wahrheit gesucht hat. Die Sätze, die auf Stoffen standen oder hineingeklebt waren, bezogen sich auf spezielle Personen, und doch konnte man sich angesprochen fühlen. Bei einem ausgestellten Objekt habe ich mich gefragt, ob sie die darin auftauchenden Sätze vielleicht an eine spezielle Person geschrieben hat, der sie auf diese besondere Weise eine Nachricht überbringen wollte, so als schaue man zufällig in den Himmel und prompt fliegt ein Flugzeug mit einem Banner vorbei, mit einem Heiratsantrag direkt an einen selbst gerichtet, und alle anderen, die auch gerade in den Himmel sehen, stellen sich eine Geschichte vor.. Oder war das nur ein Spiel damit, weil sie wusste, dass der ein oder andere Besucher genau diese Information über sie hat und dadurch eine Assoziationskette, eine Geschichte im Kopf entstehen könnte? Man konnte sich soviel dazu denken, wie wenn man sich ein Plätzchen im öffentlichen Raum sucht und sich vorstellt, welchen Leidenschaften oder Berufen die jeweiligen Passanten wohl nachgehen.. Helena war eine Künstlerin, auch dann, wenn sie einfach spazieren ging oder Wäsche wusch.
So radikal ihre Kunst war, so radikal sie sich entschied, den Schutzraum zu benutzen und ihn dann nicht mehr zu benutzen und ihn dann wieder zu missen, so radikal war auch ihr Ende. Ihr Leben und dessen Geschichten drum herum, ihre organisierten Abendessen, die Gespräche mit ihr, all das war bei ihr so nah an ihren Zeichnungen und ihren Objekten und Installationen. Bei dem Werk, das Helena der Nachwelt hinterlässt, spielt soviel mehr eine Rolle, als die sehr überzeugenden Collagen und Bilder. Es ist ihr Leben und wie es mit Kunst erfüllt war, als habe sie Leben neu erfinden wollen. Sie hat sich eine Aufgabe gestellt, die so groß und komplex war, dass sie an den Bedingungen verzagt ist. Dabei ist sie nicht gescheitert, denn Helena hat ein Monument hinterlassen. Das sind nicht nur Produkte, die im Nachlass erscheinen werden, sondern auch die Erinnerungen an sie und das mit ihr Erlebte.

Von Christina:

An Helena.
Ich habe dich lange nicht mehr gesehen. Heute morgen habe ich mir eine Zeichnung angeschaut, die ich damals gemacht habe (2010?), als ich einmal in deiner Wohnung war und deinen Kater gefüttert habe. Du warst in Hamburg oder Lübeck, ich weiss nicht mehr, und du hattest mich angerufen und gebeten, deinen Kater für einen Tag zu füttern und das Katzenklo sauber zu machen. Ich glaube, ich habe danach diese Zeichnung gemacht, weil dein Kater so viel und so laut gemaunzt hat, als ich die Tür aufmachte. Er hat dich dieser Tage glaube ich sehr vermisst. Er war gross und stark, hatte einen grossen Kopf und war ein bisschen dick. Eben wie Kater so sind.
Ich habe dich in meiner Erinnerung als jemand, der mit mir gerne ins Kino gegangen ist. Das klingt vielleicht blöde, aber ich fand es immer supersexy wie du deine langen blonden Haare hochgesteckt hattest, und deine kleinen kräftigen Hände fand ich auch sehr schön. Schöne Fingernägel. Ich musste auch immer an Hamburg und Hip Hop denken, wenn ich dich sah. Immer wenn ich dich getroffen habe dachte ich, du kämst schon wieder von woanders her. Einmal habe ich dich vollgejammert über
den Wedding und dass mir die Assis, die scheiss Armut und die Aggression hier an die Nieren gehen, und ich aber auch gar nicht weiss, wo ich die in Berlin nicht sehe. Da hast du gesagt, dass dir
das ganz anders geht und du Berlin eigentlich ziemlich toll findest; du würdest dich hier nämlich immer fühlen wie eine Touristin. Genau. Leicht sein. Zu Besuch sein und wieder weg sein.
Einmal war das, da habe ich in der Gerichtstrasse neben dir und einem Freund von dir gesessen, und habe zugehört, wie ihr euch unterhalten habt. Ich habe kein Wort verstanden.
Und einmal liefen wir bei mir in der Nachbarschaft spazieren und kamen an einem Kosmetiksalon vorbei. Da sagtest du mir, du würdest für dein Leben gern mal in einen Kosmetiksalon gehen. Damals dachte ich, das sei ironisch gemeint. Heute denke ich das nicht mehr.
Jemand hat mir gesagt, dass es ab einem bestimmten Stadium von psychischer Krankheit so ist, dass jemand der krank ist weiss, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Dass man dann nichts mehr fühlt, der Körper und auch die Welt um einen herum einem nichts mehr sagen kann. Es ist so schade, denn du warst schön. Meine liebe Helena, du wirst hier keinen Sonnenaufgang mehr sehen, aber vielleicht wirst du jetzt woanders sein, und vielleicht sieht man von dort auch 100 Sonnenaufgänge auf einmal. Das wäre auf jeden Fall der Mega Hammer!

Von Roseline:

Helena war eine Verbündete, manchmal nah und meistens fern und das hatte nichts damit zutun, wie oft wir uns sahen….
The soul creates her own society… Sie war schön und burschikos und irgendwie sehr jung, indem sie so offen und verschlossen zugleich war.
Ich weiss noch genau, wie ihre Stimme klang und wie sie auf den Tabak und ihre Hände schaute, wenn sie sich eine Zigarette drehte.

Eines Tages wollten wir den Titanenwurz anschauen gehen, die grösste blühende Pflanze der Welt, die nur alle 9-12 Jahre blüht und Aasgeruch verbreitet. Sie stank und blühte im botanischen Garten Berlins, aber leider kamen wir zu spät und die nur 3 Tage und Nächte andauernde Blütezeit der 3 Meter hohen Blume war schon vorbei. Stattdessen freuten wir uns nun am korrekten wissenschaftlichen Namen dieser Pflanze „Amorphophallus titanum“ und gingen eine Bob Mizer Ausstellung anschauen und was trinken.

Helena hat mich daran erinnert, dass es nicht selbstverständlich ist am Leben zu sein und zu bleiben.
I lost a world the other day….

Von Angelika:

Eine Blume… Ein Vogel? … Nein, eine Blume.
Eine leuchtende Blume. Eine zerpflückte Blume. Eine Blume, die niemand kennt.
Blondes Schneewittchen, verwehte Frisur. Ein Käfig aus Licht. Helle.
Jeden Tag Nudeln mit Salz. Versuche nur. Scheitern, Scheiterhaufen.
Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?
Sich selbst aus den Augen verloren. Da läuft sie, da schläft sie, hier steht sie noch.
Schwebte sie irgendwo, wir schwebten ihr nach und wäre sie doch nicht dabei.
Müdes Verweilen im gläsernen Sarg. Mehr Scheitern geht nicht.
Da verneigen sich die Zwerge. Keine Angst,
sagt sie, und gibt sich einen Ruck, hörbar nach allen Ecken.
In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.
Ich halte dieses Papier, das sie zusammenknüllte, nicht einmal klagend.
Ein Vogel doch. Ein zerzauster Vogel mit goldener Blume im Schnabel.


Freispruch für den Nikolaus – 25 Jahre gegen Terror

Gewidmet dem Newageman – Can’t beat the feelin’  – Donnerstag, den 6. Dezember 2012


We’re not afraid

© L’Internationale Surplace


TOTALE SOFAREVOLUTION: Karl Friedrich Buck zum Stand der Euro-Krise mit Tipps für Sparer und Blogger


exspecto ergo sum

ABHANDLUNG ÜBER DAS WARTEN, 2. Teil

[…] der Zustand, in dem sich ein Wartender befindet, ist bestimmt durch ein terminiertes Ereignis in der Zukunft. Da jeder Augenblick der jüngste, das Leben ewig ist, so verweilt der Wartende prinzipiell unendlich lange. Warten erfordert zunächst nur physische Anwesenheit.
Gedanken und Verhalten sind frei.

Die extra dafür eingerichteten Warte-Räume allerdings, versuchen uns diese Freiheit zu nehmen. Zunächst ist allgemein mangelnde Feinfühligkeit bezüglich der möglichen Rafinesse innenarchitektonischer Detailfreude zu verzeichnen, auch die Auswahl der Medien ist vielerorts nachlässig, um nicht zu sagen, daß mir bis jetzt das advanced-waiting-room-styling noch nicht […] begegnet ist.

Meist wird der Wartende unbewußt mißmutig angesichts der gähnenden Warte-Leere, die von den Installationen ausgeht. Schlimmer noch, daß die für die Bestückung verantwortlichen Stümper das Niveau der Zerstreuung mit zweitklassigen Frauenmagazinen und fiesen Motorsportblättern für ausreichend halten. In das Mobiliar haben sich schon Stunden, Tage und Jahre sinnlos-abgründig vegetierendes Warten hinein gefressen, das einem gleich beim Eintritt entgegen dampft … […]

(aus: Tolksdorf-Schriften, Bd.I,S.14, Hamburg,1991)


Gold zu Gold

Benefiz-Ausstellung zum Erhalt des Gastateliers im Goldbekhof
Eröffnung: Mittwoch, 26. September 2012, 19 Uhr
Dauer: Do 27.9.- So 30.9. jeweils 15-19 Uhr

Gastatelier Goldbekhof, Moorfurthweg 9B, 22301 Hamburg

Es wurde in der Vergangenheit versucht, alles Mögliche in Gold
zu verwandeln. Die beste Methode ist und bleibt: Gold zu Gold des Magnetismus:
Der Teufel scheißt bekanntlich auf den größten Haufen. Olympia ist vorbei.
Wir erwarten einen Medaillenregen.

Ellen Gronemeyer, Helena Huneke, Markus Amm, Claus Becker, Tillmann Terbuyken,
Monika Michalko, Dirk Meinzer, Anke Wenzel, Fabienne Mueller, Jan Köchermann, Carola Deye