Irritation und Verwirrung

Und ob ich mich alleine im Halbkreis aufstellen kann!

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Wigald Boning Und ob ich mich alleine im Halbkreis aufstellen kann!
Ich habe in den letzten Jahren viel mit meinen französischen Freunden über Politik diskutiert. In deren Augen bin ich Deutschland, und ich habe mit der Zeit diese Sichtweise übernommen. Nein, ich bin nicht nur Deutschland, ich bin sogar der typische Deutsche, mit allem, was dazugehört. Früher distanzierte ich mich gerne, gab mich als „Nur“-Europäer, als Möchtegernstaatenloser, als Jazzer (die haben im Normalfall immer ihren Pass verlegt). Der Wandel geschah wohl unter dem Eindruck der Selbstverständlichkeit, mit der Franzosen sich als Franzosen definieren – und zum Glück habe ich sehr schlaue, humorvolle Freunde, die diese Selbstverständlichkeit mit dem keckstmöglichen Augenzwinkern verknüpfen.
Ich bin tatsächlich als „typischer Deutscher“ bestens geeignet, weil sich einerseits in meiner Familiengeschichte alle Brüche wieder finden, vom katholischen Widerstand, KZ, Duckmäuser, Antisemitismus, äußerster Heldenmut, Traumatisierung durch den ersten Weltkrieg, Angst, Suff, Armut, Heimatliebe – und von all dem auch das genaue Gegenteil. Außerdem bin ich zum Viertel Pole, das ist ja auch nicht untypisch. Ich bekenne mich zu jedem einzelnen Detail. Es mag vielleicht kein Vergnügen sein, Deutscher zu sein, aber es ist verdammt interessant. Es fällt mir leicht, in mir all jene Charakterzüge aufzuspüren, die man in den letzten 2000 Jahren mit dem „Deutschsein“ in Verbindung brachte, beginnend bei Tacitus („Frisia non cantat“), über Marc Twain bis hin zum Wahlspruch der SS: „Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst Willen zu tun“. Ich weiß exakt, was gemeint ist.
Meine französischen Freunde mögen mich (behaupte ich mal), und sie mögen mich auch, weil sie mich als den Repräsentanten eines Volkes kennengelernt haben, das vielleicht doch nichts erkennbares „geworden“ ist, aber dennoch ohne Zweifel erwachsen -so wie eben ich, als sein Vertreter zum Thema Weltpolitik: Aus französischer Sicht betreiben wir allerdings Weltpolitik, und zwar viel zu viel. Jene Spezialbeziehung, die wir zu Russland aufgebaut haben, wird vom Rest Europas mit Wachsamkeit verfolgt. Der Machtzuwachs durch diese (in ihren Augen) privilegierte Partnerschaft führte zum Beispiel dazu, dass Sarkozy mit der „Union pour la méditerranée“ ein Gegengewicht schaffen wollte – und er wurde von Merkel eiskalt gestoppt.
Ja, ich weiß, man liest in diesen Tagen viel, wir seien nicht ausreichend global engagiert. Mag ja sein. Aber jedes Engagement muss nicht nur sinnvoll sein (Afghanistan war in der Rückschau betrachtet ja kaum sinnvoll, oder?), sondern darf auch nicht dazu führen, dass neue Verwerfungen innerhalb Europas provoziert werden. Die Lösung ist, wieder einmal: Europa. Wir müssen unsere Kräfte bündeln. Aber das wissen sie ja schon :)
Wigald Boning

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