Irritation und Verwirrung

Helena Huneke * 9. 2. 1967 – † 15. 11. 2012

Helena_wautomotor

Von Dina:

Helena war schön und gut, sie war mir eine gute Freundin, weil sie sich mir immer von ihrer schönsten Seite zeigte. Durch ihre Schönheit hat sie mich gelehrt und hat mir Mut gemacht.
Ich bin unendlich traurig, daß sie nicht mehr lebt und bin unendlich froh, daß sie mich nicht verlassen hat, noch immer wirkt ihre Schönheit und gibt mir Kraft, in dieser Welt zu leben und sie zu gestalten: in Helenas Sinne, denn sie war klug und wusste, was gut ist. Ich trauere um sie, ihre Güte hat mich sanft gelehrt.

Von Ellen:

Als ich Helena vor 10 Jahren kennen gelernt habe, hatte sie ihr Wohnzimmer in ein Restaurant verwandelt und eine Einladung an ihren Künstler-Bekanntenkreis herausgegeben, vorbeizukommen. Einige Leute kamen vorbei, die ich damals in ihrer Wohnung zum ersten Mal sah, in gewisser Hinsicht bin ich dort von den Kunststudentenkreisen in die Kunstszene übergewechselt.
In ihrem Wohnzimmer waren mehrere kleine Tischchen aufgestellt, so dass man, wie in einem richtigen Restaurant, an verschiedenen kleinen Tischen saß und dadurch eine Distanz hatte zu den anderen Tischen, obwohl man natürlich von Tisch zu Tisch redete, weil alle sich mehr oder weniger kannten.
Die schöne Helena, sie war dabei in den Hintergrund getreten, oder sie hat es versucht. Sie ging von Tisch zu Tisch, nahm Getränkebestellungen auf und servierte das Essen. Dabei war sie sehr fein.
Das besondere war, dass alles so echt wirkte. Sie hat uns so selbstverständlich bedient, als sei dies ihr Beruf. Als würde sie das schon lange machen. Außerdem war die Wohnung wunderschön. Alles an ihrer Wohnung war wie Kunst, und alles, was darin stattgefunden hat.
Später hat ein Freund mich mal gefragt, ob es nicht auch in Helenas Restaurant gewesen sei, dass man dort Wassersuppe gegessen hätte. Daran erinnerte ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, es kann aber gut möglich gewesen sein.
Dafür weiß ich noch genau, wie ich mich gefühlt habe, als ich in ihrer Wohnung war. Ich wollte so sein wie sie, ich war in eine tiefe Bewunderung gefallen. Alles hat gepasst, alles war Leben. Ihre sehr hohen Glitzerplateau-Schuhe, die in die Ecke geknallt waren und gewisser Weise einen Widerspruch bildeten zu ihrem Strickmantel, obwohl alles doch so gut passte. Die dicke Katze, die vom Auto angefahren war und nun genas. Jeder Teller, alles erschien mir frei, offen, möglich. All diese souveränen Künstler, die so einen starken Charakter ausstrahlten in diesem Arrangement und für die all das so normal schien.
Als ich das zweite mal ihr Gast war, habe ich meine Mütze bei ihr vergessen. Jemand teilte mir mit, als habe ich einen Orden verliehen bekommen, dass Helena mich möge. Das war für mich wie eine große Auszeichnung und ich habe meine Mütze abgeholt. Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf, ob sie nicht mit mir ausgehen wolle, ich war sehr geehrt. Von da an waren wir Freunde, und ich war stolz. Von ihr habe ich gelernt.
Helena hatte vor allem zwei herausstechende Charaktereigenschaften, die mir gleich einfallen. Sie war fein, und sie war radikal. Ihr Körper schien manchmal zu schweben, wenn sie lief, sie schien so leicht zu sein. Ihre Sprache war vornehm und poetisch. Helena hat damals Installationen gemacht, viele Stoffe sind darin vorgekommen, übereinander gefaltet, zusammengenäht. Darin konnte alles stattfinden und oft hatte es was mit ihrem ganz persönlichen Leben zu tun. Schrift, Kritzeleien waren genauso ein Ausdrucksmittel wie ihre sensiblen Arrangements von Gegenständen. Die Objekte wirkten immer sensibel, hatten eine Liebe fürs Detail, aber waren auch radikal. Radikal, weil sie keine Distanz zuließen.
Als ich studiert habe, habe ich mal einen Vortrag gehört, wie jemand den Künstler in der Galerie mit dem Tier im Zoo verglich. Einerseits seien die Tiere eingesperrt, andererseits wäre es eine Möglichkeit überhaupt eine Plattform zu bieten, die Tiere sichtbar macht, um ein Verhältnis mit ihnen aufzubauen und ihre Existenz aufzuzeigen. So ähnlich gestalte es sich auch mit dem Künstler und seiner Kunst. Der Rahmen, dh der weiße Raum, die Galerie, der Kunstverein und das Museum , seien einerseits eine Verfälschung desjenigen, was wirklich entsteht und passiert und der Sichtweise eines Künstlers. Andererseits wird durch diese Distanz auch ein Schutzraum hergestellt, der vor allem dem Künstler dazu dient, gesehen zu werden, Anerkennung zu bekommen, einen Dialog entstehen zu lassen, in welcher Form auch immer.
Trotzdem sind die Bedingungen, die für einen Künstler auf diese Art und Weise geschaffen werden, eine Herausforderung, etwas, zu dem man sich verhalten muss. Für Helena gab es diese Grenzen nicht. Oder wenn es sie gab , hat es ihr Spaß gemacht, sie zu übersehen.
Mit ihrem Restaurant hat sie eine Performance gemacht, ihre Wohnung ausgestellt, ihre persönlichen Gegenstände zu Objekten werden lassen. Das Lebensmittel an sich wurde künstlich im Sinne der Kunst .
Man konnte in ihrem Restaurant auch für das Essen bezahlen. Ein ziemlich ausgetüfteltes Rätsel hing an der Tür, das konnte man lösen und wenn man auf die Lösung kam, so konnte man erraten, wie viel Geld man für sein Essen hinterlassen könnte und somit war man wieder im richtigen Leben angekommen.
Ich habe mir vorgestellt, dass alles, was Helena macht, ihren Einkaufzettel schreiben, die Nudeln, die sie isst, dass das für sie eine Bedeutung hat von Kultur, einen Wert, den sie versucht hat, an die Kunst weiterzugeben und so konnte man Papiere ausgestellt sehen, die gleichzeitig für philosophische Randnotizen und für den Speiseplan dienten. Hat sie Installationen gemacht, so sind die zu Kunstobjekten geworden, persönliche Gebrauchsgegenstände sind wieder darin aufgetaucht. Auftauchen konnte darin alles Mögliche, und man konnte dessen Bedeutung nicht immer einfach entschlüsseln, erkennbar machen. Aber eines war sicher: diese Gegenstände, diese fein zusammengestellten Arrangements hatten eine persönliche Bedeutung und waren dadurch erfüllt von Leben. Helenas Talent bestand unter anderem darin, so etwas sichtbar zu machen, indem sie die Grenzen überschritt, das Subjektive zum Allgemeingültigen ernannte, im Subjektiven die Wahrheit gesucht hat. Die Sätze, die auf Stoffen standen oder hineingeklebt waren, bezogen sich auf spezielle Personen, und doch konnte man sich angesprochen fühlen. Bei einem ausgestellten Objekt habe ich mich gefragt, ob sie die darin auftauchenden Sätze vielleicht an eine spezielle Person geschrieben hat, der sie auf diese besondere Weise eine Nachricht überbringen wollte, so als schaue man zufällig in den Himmel und prompt fliegt ein Flugzeug mit einem Banner vorbei, mit einem Heiratsantrag direkt an einen selbst gerichtet, und alle anderen, die auch gerade in den Himmel sehen, stellen sich eine Geschichte vor.. Oder war das nur ein Spiel damit, weil sie wusste, dass der ein oder andere Besucher genau diese Information über sie hat und dadurch eine Assoziationskette, eine Geschichte im Kopf entstehen könnte? Man konnte sich soviel dazu denken, wie wenn man sich ein Plätzchen im öffentlichen Raum sucht und sich vorstellt, welchen Leidenschaften oder Berufen die jeweiligen Passanten wohl nachgehen.. Helena war eine Künstlerin, auch dann, wenn sie einfach spazieren ging oder Wäsche wusch.
So radikal ihre Kunst war, so radikal sie sich entschied, den Schutzraum zu benutzen und ihn dann nicht mehr zu benutzen und ihn dann wieder zu missen, so radikal war auch ihr Ende. Ihr Leben und dessen Geschichten drum herum, ihre organisierten Abendessen, die Gespräche mit ihr, all das war bei ihr so nah an ihren Zeichnungen und ihren Objekten und Installationen. Bei dem Werk, das Helena der Nachwelt hinterlässt, spielt soviel mehr eine Rolle, als die sehr überzeugenden Collagen und Bilder. Es ist ihr Leben und wie es mit Kunst erfüllt war, als habe sie Leben neu erfinden wollen. Sie hat sich eine Aufgabe gestellt, die so groß und komplex war, dass sie an den Bedingungen verzagt ist. Dabei ist sie nicht gescheitert, denn Helena hat ein Monument hinterlassen. Das sind nicht nur Produkte, die im Nachlass erscheinen werden, sondern auch die Erinnerungen an sie und das mit ihr Erlebte.

Von Christina:

An Helena.
Ich habe dich lange nicht mehr gesehen. Heute morgen habe ich mir eine Zeichnung angeschaut, die ich damals gemacht habe (2010?), als ich einmal in deiner Wohnung war und deinen Kater gefüttert habe. Du warst in Hamburg oder Lübeck, ich weiss nicht mehr, und du hattest mich angerufen und gebeten, deinen Kater für einen Tag zu füttern und das Katzenklo sauber zu machen. Ich glaube, ich habe danach diese Zeichnung gemacht, weil dein Kater so viel und so laut gemaunzt hat, als ich die Tür aufmachte. Er hat dich dieser Tage glaube ich sehr vermisst. Er war gross und stark, hatte einen grossen Kopf und war ein bisschen dick. Eben wie Kater so sind.
Ich habe dich in meiner Erinnerung als jemand, der mit mir gerne ins Kino gegangen ist. Das klingt vielleicht blöde, aber ich fand es immer supersexy wie du deine langen blonden Haare hochgesteckt hattest, und deine kleinen kräftigen Hände fand ich auch sehr schön. Schöne Fingernägel. Ich musste auch immer an Hamburg und Hip Hop denken, wenn ich dich sah. Immer wenn ich dich getroffen habe dachte ich, du kämst schon wieder von woanders her. Einmal habe ich dich vollgejammert über
den Wedding und dass mir die Assis, die scheiss Armut und die Aggression hier an die Nieren gehen, und ich aber auch gar nicht weiss, wo ich die in Berlin nicht sehe. Da hast du gesagt, dass dir
das ganz anders geht und du Berlin eigentlich ziemlich toll findest; du würdest dich hier nämlich immer fühlen wie eine Touristin. Genau. Leicht sein. Zu Besuch sein und wieder weg sein.
Einmal war das, da habe ich in der Gerichtstrasse neben dir und einem Freund von dir gesessen, und habe zugehört, wie ihr euch unterhalten habt. Ich habe kein Wort verstanden.
Und einmal liefen wir bei mir in der Nachbarschaft spazieren und kamen an einem Kosmetiksalon vorbei. Da sagtest du mir, du würdest für dein Leben gern mal in einen Kosmetiksalon gehen. Damals dachte ich, das sei ironisch gemeint. Heute denke ich das nicht mehr.
Jemand hat mir gesagt, dass es ab einem bestimmten Stadium von psychischer Krankheit so ist, dass jemand der krank ist weiss, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Dass man dann nichts mehr fühlt, der Körper und auch die Welt um einen herum einem nichts mehr sagen kann. Es ist so schade, denn du warst schön. Meine liebe Helena, du wirst hier keinen Sonnenaufgang mehr sehen, aber vielleicht wirst du jetzt woanders sein, und vielleicht sieht man von dort auch 100 Sonnenaufgänge auf einmal. Das wäre auf jeden Fall der Mega Hammer!

Von Roseline:

Helena war eine Verbündete, manchmal nah und meistens fern und das hatte nichts damit zutun, wie oft wir uns sahen….
The soul creates her own society… Sie war schön und burschikos und irgendwie sehr jung, indem sie so offen und verschlossen zugleich war.
Ich weiss noch genau, wie ihre Stimme klang und wie sie auf den Tabak und ihre Hände schaute, wenn sie sich eine Zigarette drehte.

Eines Tages wollten wir den Titanenwurz anschauen gehen, die grösste blühende Pflanze der Welt, die nur alle 9-12 Jahre blüht und Aasgeruch verbreitet. Sie stank und blühte im botanischen Garten Berlins, aber leider kamen wir zu spät und die nur 3 Tage und Nächte andauernde Blütezeit der 3 Meter hohen Blume war schon vorbei. Stattdessen freuten wir uns nun am korrekten wissenschaftlichen Namen dieser Pflanze „Amorphophallus titanum“ und gingen eine Bob Mizer Ausstellung anschauen und was trinken.

Helena hat mich daran erinnert, dass es nicht selbstverständlich ist am Leben zu sein und zu bleiben.
I lost a world the other day….

Von Angelika:

Eine Blume… Ein Vogel? … Nein, eine Blume.
Eine leuchtende Blume. Eine zerpflückte Blume. Eine Blume, die niemand kennt.
Blondes Schneewittchen, verwehte Frisur. Ein Käfig aus Licht. Helle.
Jeden Tag Nudeln mit Salz. Versuche nur. Scheitern, Scheiterhaufen.
Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?
Sich selbst aus den Augen verloren. Da läuft sie, da schläft sie, hier steht sie noch.
Schwebte sie irgendwo, wir schwebten ihr nach und wäre sie doch nicht dabei.
Müdes Verweilen im gläsernen Sarg. Mehr Scheitern geht nicht.
Da verneigen sich die Zwerge. Keine Angst,
sagt sie, und gibt sich einen Ruck, hörbar nach allen Ecken.
In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.
Ich halte dieses Papier, das sie zusammenknüllte, nicht einmal klagend.
Ein Vogel doch. Ein zerzauster Vogel mit goldener Blume im Schnabel.

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2 Antworten

  1. lolek

    Das war im Jahr 2012 (s.o.)

    März 18, 2013 um 4:27 pm

  2. lolek

    Könnte vielleicht mal jemand die Überschrift ändern?
    es muss heißen 15.11.2012!

    August 23, 2013 um 3:08 pm

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