Irritation und Verwirrung

Gut und Böse?

Ein paar klärende Worte zur Debatte über die Anti-Vattenfall-Lesetage

Einige Aspekte möchten wir von der Initiative „Lesetage selber machen- Vattenfall Tschüss sagen!“ mitten in den Lesetagen doch klarstellen:

1. Wir sind gegen Vattenfall als Konzern, der seine Gewinne aus Atom- und Kohlekraftwerken bezieht. Wir sind nicht gegen Lesetage. Das haben wir nie anders behauptet.

2. Wir sind dagegen, dass Kultur den Namen eines Atom- und Kohlekraftkonzerns trägt. Wir sind nicht dagegen, dass bestimmte Firmen aus ihren Gewinnen Kultur sponsern – das ist auch in unseren Verlautbarungen nachzulesen. Wir sind aber sehr wohl der Meinung, dass eine gesponserte Kultur nicht den Namen dieser Firmen tragen darf. Kultur wird von Menschen gemacht und nicht von Konzernen. Trägt Kultur einen Firmennamen, kann sie nicht frei sein, sie trägt durch ihren Namen automatisch zur Marke und Akzeptanz des Konzerns bei.

3. Niemand wird von uns „bedroht“. Das ist Unsinn. Wenn die Frage: Machst Du bei den Atomkonzern-Lesetagen eigentlich noch mit?, eine Bedrohung sein soll, liegt das nicht an der Frage, sondern an der derzeitigen politisch-gesellschaftlichen Situation: Die Frage der Atomenergie ist aktuell neu gestellt, und die Ablehnung der Atomenergie ist zur Zeit  gesellschaftlich sehr stark. Würden wir drohen oder jemandem Übles wollen, hätten wir keine alternativen Lesetage auf die Beine gestellt, sondern die Vattenfall-Lesungen gestört. Wir haben eine Gegenveranstaltung organisiert, die eine positive Alternative darstellt, und die Frage: wer macht Kultur? neu akzentuiert.

4. Der Name unserer Initiative sagt aus, dass wir unsere Lesetage veranstalten, um „Vattenfall Tschüss zu sagen“: Alle bei uns teilnehmenden Veranstaltungsorte z.B. haben bereits den Stromanbieter gewechselt. Wir verstehen diese Lesetage AUCH als Aufforderung, den Strom, den man nutzt, nicht mehr an Vattenfall zu bezahlen. Insofern betrachten wir unsere alternativen Lesetage als politisches Zeichen gegen die Atom- und Kohlekraftenergie.

5. Jeder Autor, jede Autorin, jeder Veranstaltungsort, jeder Schauspieler oder sonstiger Kulturschaffender hat das Recht – und die persönliche Verantwortung – jederzeit zu prüfen, was er oder sie mit seiner Kreativität anstellt: wo wird gelesen, wo wird publiziert, woher kommt das Geld? Das muss man sich schon überlegen. Da gibt es jede Menge Grauzonen, aber es gibt auch klare Situationen, die jeder für sich selbst bestimmt: In diesem Jahr ist jedenfalls die Akzeptanz für Vattenfall-Gelder ausgesprochen schwach. Insofern muss man unserer Meinung nach die Frage nach dem Sponsoring von Kultur immer wieder neu stellen, persönlich und gesellschaftlich.

6. „Lesetage selber machen“ ist ein breites Bündnis von Autorinnen und Autoren, Schauspielerinnen und Schauspielern, Veranstaltungsorten, Buchverlagen, der GEW, von Stadtteilkulturzentren, Bürgerinitiativen, Umweltaktivisten, Gewerkschaftern, politischen Aktivisten, Kulturschaffendern jeder Art. Dieses Bündnis richtet sich gegen den Vattenfallkonzern und sein Greenwashing, speziell in der aktuellen politischen, gesellschaftlichen und regionalen Situation hier in Hamburg: Die Pannen-Atommeiler rund um Hamburg und das beim Bau schon veraltete Kohlekraftwerk Moorburg mit seinen Emissionen und einer stark umkämpften Fernwärmetrasse durch Grünanlagen – diese von vielen Seiten kritisierte Energiepolitik soll auch durch unser Festival gestört werden. Wir wollen nicht, dass alles immer so weiter geht …

7. „Lesetage selber machen“ ist ein Ausdruck der Basiskultur, die es in dieser Stadt gibt: breit gestreut, unterschiedlich und streitbar. Wir sind der Meinung, dass die Energiefrage ebenso diskutiert werden muss: breitgefächert, Alternativen ausleuchtend, dezentral! Da alle Beteiligten Kulturschaffende sind, haben wir immerhin bewiesen, dass wir auf dem Gebiet der Kultur mit diesem Ansatz schon recht weit kommen!

8. Die merkwürdige Assoziation auf unsere zivilgesellschaftliche Initiative, wir seien „70er Jahre“ (was soll das heißen? RAF? Terrorismus? Brennende Barrikaden?) und produzierten „Emotionalisierung und Hysterie“ müssen wir zurückweisen. Die Bewegungen haben sich verändert, und es lohnt sich, sich die „Recht-auf-Stadt“-Bewegung und auch uns genauer anzuschauen. Wir sind ein breites Bündnis, ein pragmatischer Zusammenschluss mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Ausrichtungen, die nebeneinander bestehen bleiben dürfen. Nur durch unsere Vielseitigkeit konnten wir in so kurzer Zeit ein Festival mit 60 Veranstaltungen an 40 Orten zusammenbringen.

9. Dass „Gut und Böse“ durch uns festgelegt und definiert würde, ist eine Projektion. Wir haben keine moralischen Kategorien aufgestellt, sondern politische.  Wir haben nie von gut und böse gesprochen und niemanden verurteilt. Dass es im Moment kaum ein „gutes“ Gefühl sein kann, bei Vattenfall zu lesen, liegt an der katastrophalen Aktualität der Atomenergie. Natürlich polarisiert eine Alternative die Situation. Jede Alternative polarisiert, und, was beruhigend ist: es gibt IMMER Alternativen, jedenfalls in der Frage der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklung. Und an der Durchsetzung dieser Alternativen arbeiten die, die diese Alternativen wollen.

10. Den Aufruf „Empört Euch!“ wird jeder für sich gestalten, der oder die eine andere Gesellschaft oder eine andere Kultur möchte. Wir haben ihn jetzt und in dieser Situation in Form unseres alternativen Lesefestivals gestaltet. Und morgen sehen wir weiter!

Das Organisationsteam besteht aus: Angela Banerjee (Initiative Moorburgtrasse stoppen), Marianne Heidebruch (Kölibri / GWA St.Pauli), Astrid Matthiae (Initiative Moorburgtrasse stoppen), Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus), Hartmut Ring (GEW), Hans-Peter Weymar, Dokumentarfilmer

Organisationsteam: c/o Edition Nautilus, Schützenstr. 49 A, 22761 Hamburg, info@edition-nautilus.de

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