Irritation und Verwirrung

Die Montagskolumne # 63 Gib den Früchten noch zwei volle Tage

50-1

Herr: es ist Zeit.

Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

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4 Antworten

  1. Tarkan

    Rainer Maria Rilke.

    Immer wieder gerne und schön anzuhören.

    Oktober 5, 2009 um 11:08 pm

  2. lena

    Heute Morgen musste ich ziemlich lange auf die S-Bahn warten, weil es am Berliner-Tor einen „Personenschaden“ gab. Auf dem S-Bahn-Steig steht ein Schaukasten von der GWA,
    in dem hängt ein ganz passendes Gedicht für so einen trüben Anlass…vom großen Erich K.

    Herbst auf der ganzen Linie

    Nun gibt der Herbst dem Winter die Sporen.
    Die bunten Laubgardinen wehn.
    Die Straßen ähneln Korridoren,
    in denen Türen offenstehn.

    Das Jahr vergeht in Monatsraten.
    Es ist schon wieder fast vorbei.
    Und was man tut, sind selten Taten.
    Das, was man tut, ist Tuerei.

    Es ist, als ob die Sonne scheine.
    Sie läßt uns kalt. Sie scheint zum Schein.
    Man nimmt den Magen an die Leine.
    Er knurrt. Er will gefüttert sein.

    Das Laub verschießt, wird immer gelber,
    nimmt Abschied vom Geäst und sinkt.
    Die Erde dreht sich um sich selber.
    Man merkt es deutlich, wenn man trinkt.

    Wird man denn wirklich nur geboren,
    um wie die Jahre zu vergehn?
    Die Straßen ähneln Korridoren,
    in denen Türen offenstehn.

    Die Stunden machen ihre Runde.
    Wir folgen ihnen Schritt für Schritt.
    Und gehen langsam vor die Hunde.
    Man führt uns hin. Wir laufen mit.

    Man grüßt die Welt mit kalten Mienen.
    Das Lächeln ist nicht ernst gemeint.
    Es wehen bunte Laubgardinen.
    Nun regnet’s gar. Der Himmel weint.

    Man ist allein und wird es bleiben.
    Ruth ist verreist, und der Verkehr
    beschränkt sich bloß aufs Briefeschreiben.
    Die Liebe ist schon lange her!

    Das Spiel ist ganz und gar verloren.
    Und dennoch wird es weitergehn.
    Die Straßen ähneln Korridoren,
    in denen Türen offenstehn.

    Oktober 8, 2009 um 11:32 am

  3. Danke Lena!

    Besonders beeindruckend finde ich,
    daß Du es so schnell auswendig gelernt hast,
    um es hier aufzuschreiben.

    Oktober 8, 2009 um 1:12 pm

  4. lena

    …konntes schon vorher auswendig. 20 Minuten genügten, um es mir wieder ins Gedächnis zu rufen:-)

    Oktober 10, 2009 um 10:58 am

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